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Willkommen > Geschichte > Die "Dolchstoßlegende"

Die "Dolchstoßlegende"

Hauptproblem der Weimarer Republik (1918 - 1933) nach dem verlorenen 1. Weltkrieg war die Zersplitterung der demokratischen Kräfte, das Fehlen eines grundlegenden fundamentalen demokratischen Konsenses sowie die Last des Versailler Vertrages. Lediglich SPD und USPD wollten die Republik, die Phillipp Scheidemann 1918 ausgerufen hatte.

 Am 19. Oktober 1925 begann im Amtsgericht München Au der Beleidigungsprozeß gegen den Chefredakteur der "Münchner Post" Martin Gruber. Der Prozess erregte viel aufsehen und ging als "Dolchstoßprozess" in die Rechtsgeschichte ein. Hintergrund: Gruber hatte als Chefredakteur der Münchner Post in mehreren Artikeln den Herausgeber der Süddeutschen Monatshefte, Cossmann "... der politischen Giftmischerei und der Geschichtsfälschung..." bezichtigt. Cossmann fühlte sich beleidigt und erhob gegen Gruber Zivilklage. Zum ersten Verhandlungstag erschienen über 40 Pressevertreter. In einer persönlichen Erklärung legte Gruber das Ziel seiner Aktivitäten dar: "Diese Artikel sind geschrieben zur Abwehr gegen verleumderische Angriffe auf unsere Partei, ihre Führung und ihre Politik." Der SPD-Führung wurde  vorgeworfen, "... dass Sie die Front im Rücken erdolcht und den Zusammenbruch (die Kriegsniederlage und des Kaiserreichs, Anm. des Verf.) herbeigeführt haben und dass Sie dabei noch im Einverständnis mit dem Feind gehandelt haben." Beinahe die gesamte Führungsriege der Weimarer Sozialdemokratie traten als Zeugen in diesem Prozeß auf.

Die Dolchstoßlegende besagt, dass das deutsche Heer im Ersten Weltkrieg "im Felde unbesiegt" geblieben sei und durch die Novemberrevolution von 1918 einen "Dolchstoß von hinten" (aus der "Heimat") erhalten hätte. Die Revolutionäre von 1918 (insb. Ebert und Scheidemann) wurden von den Verbreitern der Dolchstoßlegende als "Novemberverbrecher" bezeichnet, die durch ihren "Verrat" den Sieg verhindert hätten. General Erich Ludendorff und der spätere Reichspräsident Paul von Hindenburg hatten vor dem Untersuchungsausschuss der Nationalversammlung der Weimarer Republik die "Dolchstoßlegende" vertreten. Hindenburg sagte in diesem Ausschuß am 18. November 1919: „Ein englischer General sagte mit Recht: Die deutsche Armee ist von hinten erdolcht worden. Wo die Schuld liegt, ist klar erwiesen." Hindenburg und Ludendorff hatten nach der gescheiterten Sommeroffensive von 1918 die Reichsregierung am 29. September 1918 ultimativ aufgefordert, Waffenstillstandsverhandlungen aufzunehmen.

In diesem Prozeß ging es auch um grundsätzliche Positionen der SPD zur Landesverteidigung und ihrer Einstellung zum Krieg. Der Vorwurf an die SPD 1918 unter anderem auch als Kollaborateur "ausländischer Mächte" tätig gewesen zu sein wog ausserordentlich schwer. Der Reichstag war 1924 aufgelöst worden, Neuwahlen standen kurz bevor. Cossmann hatte im Mai 1924 zwei Hefte herausgegeben, die er als Resultate seiner "historischen Forschung" bezeichnete und als "Dolchstosshefte" bezeichnet wurden.

Der Prozeß war eine reines konservatives Propagandamanöver.

Bereits 1870 hatte August Bebel und Wilhelm Liebknecht die Kriegskredite für den Frankreichfeldzug abgelehnt. Sie begründeten Ihre Weigerung im Norddeutschen Reichstag und stellten den Antrag "... den Gesetzentwurf betreffend den ferneren Geldbedarf für die Kriegsführung abzulehnen ...".1) Karl Liebknecht und Rosa Luxenburg hatten sich bei Kriegbeginn 1914 der Stimme enthalten, als es um die Bewilligung neuer Kriegskredite ging.

Cossmann erklärte am 7. Verhandlungstag des Prozesses, "... er habe die frühere Mehrheitspartei (Anm. des Verf.: SPD ) 'gar nicht gemeint', der Vorwurf des Dolchstoßes richte sich nur gegen die frühere USP und die links von ihr stehenden radikalen Gruppen." Cossmann verlor den Prozeß, doch die Legende lebte weiter.

Die Deutschnationale Volkspartei (DNVP-rechtskonservative Partei) und später die Nationalsozialisten waren die Nutznießer dieser Geschichtslüge. Sie diente diesen Parteien als Rechtfertigungs- und Kampfideologie. Sie war ausschließlich auf die  "Novemberverbrecher" also Sozialdemokratie, alle Linksparteien sowie die Befürworter des Versailler Vertrages bezogen. Die Verantwortung für den verlorenen 1. Weltkrieg sollte damit vom Militär und  Kaiser Wilhelm II. auf die der SPD übertragen werden.

 

 

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